Viele Hausärzte gehen in Ruhestand - Verband schlägt Alarm

Immer mehr Hausärzte werden in den nächsten Jahren ihren Kittel an den Nagel hängen

Viele Hausärzte gehen in Ruhestand - Verband schlägt Alarm

Mainz (dpa/lrs) - Die Berichte über lange Wartezeiten in Arztpraxen und bei Bereitschaftsdiensten zwischen Weihnachten und Neujahr in Rheinland-Pfalz sind nach Ansicht des Hausärzteverbands ein deutliches Warnsignal. «Dieser Engpass war wie ein Brennglas, das deutlich zeigt, was auf die Bevölkerung zukommt, wenn in den nächsten Jahren die Zahl der Hausärzte wegbricht», sagte die rheinland-pfälzische Verbandsvorsitzende Barbara Römer der Deutschen Presse-Agentur. «Ich hoffe, dass diese Eskalation zwischen den Jahren jetzt ein Weckruf ist für die Politik, für die Krankenkassen und für die Standesvertretungen wie Kassenärztliche Vereinigung und Ärztekammer.»

Viele Hausarztpraxen hatten nach ihren Worten zwischen den Jahren geschlossen, «weil die Teams erschöpft waren und einfach nicht mehr konnten». Römer erinnerte an die seit 2020 zum normalen Praxisbetrieb hinzugekommenen Belastungen durch die Corona-Pandemie und an die starke Welle von Influenza- und Atemwegsinfekten in dieser Saison.

Die Bürgerinnen und Bürger in Rheinland-Pfalz merkten bereits seit ein paar Jahren sehr deutlich, dass immer mehr Hausärzte in Ruhestand gingen, sagte Römer. Es werde gerade im ländlichen Raum zusehends schwierig, noch eine angemessene Versorgung zu stemmen. «Wir haben einen enormen Nachbesetzungsbedarf in Rheinland-Pfalz: Bis 2026 werden etwa 61 Prozent der Hausarztstellen neu besetzt werden müssen, weil nun die Babyboomer allmählich in den Ruhestand gehen.»

Diese Entwicklung sei nicht vom Himmel gefallen. «Seit vielen Jahren weisen wir Hausärzte darauf hin, dass wir uns darauf vorbereiten müssen», sagte Römer, die selbst im rheinhessischen Saulheim eine Praxis betreibt. «Wir müssen uns alle jetzt zusammensetzen und überlegen: Wie bekommen wir eine adäquate und zukunftssichere Versorgung der Bevölkerung hin?»

Zum einen werden nach Ansicht der Verbandsvorsitzenden dringend mehr Medizinstudienplätze gebraucht, auch wenn sich das erst langfristig positiv auswirke. «Wir brauchen mehr Köpfe und mehr Arztzeit, auch weil immer mehr Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit arbeiten und der Versorgungsaufwand einer immer älter werdenden Gesellschaft rapide steigt», sagte sie.

Zusätzlich müsse das Gesundheitssystem weg von der «Arztzentriertheit, also dass der Doktor alles selbst macht», betonte sie. «Wir brauchen in unseren Praxen mehr multiprofessionelle Teams, mehr Delegation von Aufgaben auf andere Teammitglieder.» Das funktioniere etwa bei Verlaufskontrollen, Beratungen und standardisierter Diagnostik hervorragend. Schon heute könnten dies zum Teil auch erfahrene Medizinische Fachangestellte nach einer Weiterbildung zum Versorgungsassistent oder -assistentin in der Hausarztpraxis übernehmen. Davon gebe es inzwischen etwa 15 000 bundesweit - «ein echtes Erfolgsmodell».

Als wichtigen Schritt zur Schonung ärztlicher Ressourcen und zur Förderung von Teampraxen hatte Römer in der vergangenen Woche die Einigung von Hausärzteverband, Gesundheitsministerium, Hochschule Kaiserslautern und anderen Beteiligten auf die Entwicklung eines neuen Bachelorstudiengangs Physician Assistant begrüßt. Dessen Ziel ist nach Worten von Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) die Entlastung von Ärzten und die Schaffung neuer beruflicher Perspektiven für Medizinische Fachangestellte. Geplant ist, dass der neue Bachelorstudiengang zum Wintersemester 2024/2025 an der Hochschule Kaiserslautern am Standort Zweibrücken an den Start geht.

«Eines muss jedoch klar sein: Damit dieses Teampraxis-Angebot in der Versorgungsrealität ankommt, benötigen Arztpraxen ein deutlich höheres Honorar», betonte Römer. «Qualitativ hochwertige Teamarbeit in der Hausarztpraxis hat ihren Preis, der sich in der derzeit geltenden Honorarstruktur in keiner Weise abbildet.»

Laut einer Datenauswertung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) suchten rund um Weihnachten und Neujahr fast 50 Prozent mehr Patienten eine Bereitschaftspraxis auf als im Jahr 2021. Hauptursache dafür sei die «massive Infektwelle» gewesen. Sollten sich die politischen Rahmenbedingungen für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung nicht schnell und nachhaltig ändern, sei auch dauerhaft mit längeren Wartezeiten zu rechnen, warnte die KV, die die Bereitschaftspraxen betreibt.

Laut KV besuchten rund 33 Prozent der Patienten eine Bereitschaftspraxis, um sich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu lassen. Es müsse über bürokratische Entlastungen nachgedacht werden, forderte der KV-Vorsitzende Peter Heinz. «Es könnte die Situation künftig entzerren, wenn alle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zwischen Weihnachten und Neujahr erst nach dem dritten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von ihren Mitarbeitenden verlangen. Aktuell wird dies nicht einheitlich gehandhabt», sagte Heinz.

Datum: 24.01.2023
Rubrik: Gesellschaft
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